Lehrling mit Lehrmeister

Berufslehre auf der Suche nach Anerkennung

Montag, 9. Mai 2011, 12:01 Uhr

In der Schweiz starten zwei Drittel der Arbeitnehmer ihre Karriere mit einer Berufslehre. International zählt ihr Abschluss wenig. Das mindert die Aufstiegschancen – auch auf dem Heimmarkt.

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In keinem anderen Land werden Lehrlinge so praxisnah ausgebildet wie in der Schweiz. Deutschland und Österreich haben ein ähnliches, jedoch viel stärker verstaatlichtes System.

 

Andere Länder bilden Jugendliche in staatlichen Berufsschulen aus und gewähren ihnen in kürzeren Praktika erste Einblicke in die Praxis. Die Berufschancen der Lehrlinge in diesen Ländern sind gering, weil ihnen die praktische Erfahrung fehlt. Die Berufslehre gilt dort wenig.

«Viele Firmenchefs kennen das System nicht»

Die Einzigartigkeit des Schweizer Systems ist zugleich sein Problem: Es ist bei internationalen Führungskräften kaum bekannt. «Sehr viele Firmenchefs, die internationale Konzerne in der Schweiz leiten, kennen das System nicht», sagt Franziska Schwarz, Vize-Direktorin des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie. Das führt bisweilen dazu, dass sie ausländische Universitätsabgänger gut qualifizierten Schweizern mit Berufsabschluss vorziehen.

Franziska Schwarz über die Berufslehre in der Schweiz

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Dank Lehrlingen halbe Milliarde Franken pro Jahr

Hinzu kommt die Gefahr, dass ausländische Firmenchefs in der Schweiz Berufsbildung als Kostenfaktor sehen – und in Phasen des Sparens bei der Lehrlingsausbildung zuerst den Rotstift ansetzen.

Gesamtwirtschaftlich ist das ein Fehlurteil: Schweizer Firmen geben gemäss dem Berner Bildungsökonomen Stefan Wolter pro Jahr 4,7 Milliarden Franken für ihre Lehrlinge aus. Die Lehrlinge erbringen produktive Arbeit im Wert von 5,2 Milliarden Franken. Unter dem Strich bleibt ein Nettonutzen von 500 Millionen Franken – pro Jahr.

Weil die Schweiz ihre Jugend mehrheitlich über Berufslehren ausbildet, liegt die Maturitätsquote bei tiefen 19 Prozent. In Deutschland beträgt die Abiturquote 41 Prozent, in Frankreich die Baccalauréat-Quote 52, in Italien die Maturità-Quote 77 Prozent.

(koha/siem)

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